Vietri sul Mare – das farbenfrohe Tor zur Amalfiküste

Korb mit großen Amalfi-Zitronen der Sorte Sfusato Amalfitano mit Blättern

 

Keramikkunst, Zitronenterrassen und spektakuläre Meerblicke: Vietri sul Mare bei Salerno ist das farbenfrohe Tor zur Amalfiküste. Der kleine Ort begeistert mit jahrhundertealter Keramiktradition, verwinkelten Gassen und dem perfekten Auftakt zur berühmten Küstenstraße.

Die gute Nachricht zuerst: Italien hat ein wunderbares Netz an Zugverbindungen. Sie reichen auch von Neapel bis an die Amalfiküste. Warum also nicht einen Tagesausflug machen? Praktisch, schnell, günstig und vor allem bequem. Ein Zugticket vom Bahnhof Napoli Centrale nach Vietri sul Mare kostet meist nur zwischen fünf und zehn Euro. Wir nehmen also den Zug.

Die Anreise ist überraschend unkompliziert. Vom Bahnhof Napoli Centrale fahren regelmäßig Züge Richtung Salerno. Viele Regionalzüge halten direkt am Bahnhof Vietri sul Mare – Amalfi, nur wenige Minuten oberhalb des Ortes. Schon bei unserer Ankunft spüren wir: Hier beginnt etwas Besonderes. Vietri sul Mare ist der erste Ort der berühmten Amalfiküste – ein kleines, farbenfrohes Tor zu einer der spektakulärsten Küstenlandschaften Europas. Wir halten inne, blicken aufs Meer, den azurblauen Himmel und dann hinab zur Altstadt.

Vietri sul Mare – der perfekte Auftakt zur Amalfiküste

Die historische Altstadt mit ihren engen Gassen, ist klein, aber voller Charakter. Es ist der Ort, an dem die Amalfiküste beginnt – und vielleicht auch der Ort, der ihren Geist besonders gut einfängt: Kunsthandwerk, fruchtbare Hänge, Zitronen und eine Straße, die sich scheinbar endlos zwischen Meer und Bergen windet.

Wer hier aussteigt, steht am Anfang einer der schönsten Küsten Europas – und mitten in einer lebendigen mediterranen Geschichte.

Zu den Sehenswürdigkeiten in Vietri gehören:

  • die Kirche San Giovanni Battista mit ihrer Majolika-Kuppel

  • das Keramikmuseum oberhalb der Stadt

  • zahlreiche kleine Werkstätten und Galerien

  • Aussichtspunkte mit Blick über den Golf von Salerno

Ein Ort mit langer Geschichte

Vietri sul Mare gehört zu den ältesten Orten dieser Küste. Archäologische Funde belegen Siedlungen bereits in etruskischer und römischer Zeit. Später profitierte der Ort von der Nähe zur mächtigen Seerepublik Amalfi, die im Mittelalter zu den bedeutendsten Handelszentren des Mittelmeers gehörte.

Doch Vietri entwickelte eine ganz eigene Spezialität, die heute Scharen von Touristen – auch uns – anzieht: Keramik. Schon seit Jahrhunderten entstehen hier Teller, Fliesen, Vasen und kunstvolle Dekorationen. Dieses feine Handwerk wird weltweit geschätzt.

Bunte Werkstätten im historischen Zentrum

Wer durch die Gassen des historischen Zentrums bummelt, merkt schnell, dass Keramik hier nicht nur Tradition, sondern Alltag ist. Tür an Tür reihen sich Werkstätten, in denen Keramik in allen Formen und Farben entsteht. Die Regale biegen sich unter der Last farbig glasierter Teller, Schalen und Fliesen. Besonders auffällig sind die handbemalten Lava-Stein-Tische, deren Oberflächen mit Zitronen, Blumen oder Meeresmotiven geschmückt sind.

Der Esel – Kultsymbol der Küste

Zwischen all den Keramiken entdecken wir immer wieder ein Tier: den Esel. Zitronen, Wein und Oliven wachsen an der Amalfiküste im Überfluss. Doch über Jahrhunderte stellte sich eine praktische Frage: Wie transportieren? Die steilen Terrassen und schmalen Wege machten Wagen fast unmöglich. Also übernahm ein treues Lasttier diese Aufgabe – der Esel. Vielleicht ist er deshalb an der Amalfiküste zu einem Kultsymbol geworden?

In Vietri ist der Somarello allgegenwärtig. Neben bunt glasierten Figuren und kunstvollen Keramiken wurde er in zahllosen Varianten verewigt. Viele Häuser zeigen ihn sogar neben ihrer Hausnummer. Farbenfroh sticht der Esel jedem Besucher ins Auge.

Majolika – die Kunst der Farben

Möglich wird diese leuchtende Vielfalt durch eine besondere Keramiktechnik, die Vietri seit Jahrhunderten prägt. Viele dieser Stücke entstehen in der Technik der Majolika – einer besonderen Keramikform, die typisch für Süditalien ist. Dabei wird ein Tonobjekt zunächst mit einer weißen Zinnglasur überzogen.

Auf dieser glatten Oberfläche malen Künstler anschließend farbige Motive. Nach dem zweiten Brand verschmelzen Farben und Glasur zu einer glänzenden, intensiven Oberfläche. Die leuchtenden Gelb-, Blau- und Grüntöne sind zu einem Markenzeichen von Vietri geworden. Wer eine Werkstatt besucht, kann den Kunsthandwerkern in aller Ruhe bei ihrer Arbeit auf die Finger schauen.

Museo della Ceramica – Keramikgeschichte mit Meerblick

Noch ein wenig tiefer in die Herstellung tauchen Besucher des Museo della Ceramica Vietri ein. Es liegt oberhalb des Ortes in der historischen Villa Guariglia, umgeben von Gärten mit Blick über den Golf von Salerno.

Das Museum erzählt die Geschichte der vietresischen Keramik vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Alte Majolika-Fliesen, kunstvolle Teller und religiöse Keramikarbeiten zeigen, wie sich Motive und Stile im Laufe der Jahrhunderte verändert haben.

Besonders spannend ist ein Kapitel aus dem frühen 20. Jahrhundert: Damals entdeckten Künstler aus ganz Europa Vietri als kreativen Ort und brachten neue Ideen in die traditionelle Handwerkskunst ein. Das Tonvorkommen in der Umgebung, die Nähe zu Handelswegen und Häfen – all das war praktisch für das heutige Keramikzentrum. In diesem Museum wird schnell deutlich, warum Vietri bis heute als Keramikzentrum der Amalfiküste gilt.

Museo della Ceramica
Adresse: Villa Guariglia, Via Nuova Raito, Vietri sul Mare.
Geöffnet: Dienstag bis Sonntag von 9 bis 15 Uhr, montags geschlossen. Eintritt: frei

Fruchtbare Hänge und weite Meerblicke

Vietri ist nicht nur ein Ort der Kunsthandwerker. Die Hänge rund um die Stadt zeugen von der Fruchtbarkeit dieser Landschaft. Das Meer darunter schimmert tiefblau und bildet einen spektakulären Kontrast zu den pastellfarbenen Häusern.

Wir haben Lust auf Meer und ziehen weiter – mit dem Bus. Die Busse der SITA Sud verbinden die Orte entlang der spektakulären Küstenstraße. Haltestellen kann man unkompliziert erfragen – bei den freundlichen Einheimischen. Unsere Fahrt nach Amalfi dauert etwa eine Stunde. Ein Ticket kostet ungefähr drei bis vier Euro, und meist fährt ein Bus pro Stunde, in der Hauptsaison sogar häufiger. Also alles ganz unkompliziert.

Ankunft in Amalfi

Von Vietri schlängelt sich die Küstenstraße scheinbar endlos zwischen Hügeln und dem tiefblauen Tyrrhenischen Meer entlang. Kurve um Kurve öffnen sich neue Ausblicke auf steile Terrassen, auf denen Zitronenbäume, Weinreben und Oliven wachsen. Als der Bus schließlich die letzte Kurve nimmt und hinunter zum Hafen rollt, liegt Amalfi plötzlich vor uns.

Pastellfarbene Häuser klettern dicht an den Felsen hinauf, kleine Boote schaukeln im Wasser und der Himmel strahlt. Der Bus hält direkt am Hafen, dort, wo das Leben der Stadt pulsiert. Fähren legen an, Ausflugsboote starten entlang der Amalfiküste, Cafés und kleine Bars säumen die Promenade. Von hier sind es nur wenige Schritte in das historische Zentrum.

Das Herz von Amalfi schlägt auf der Piazza vor dem berühmten Duomo di Amalfi. Seine arabisch-normannische Fassade leuchtet in der Sonne, und die lange Treppe davor wirkt wie eine Bühne.

Die Zitronen von Amalfi

Über den Hängen rund um die Stadt ziehen sich Terrassen voller Zitronenbäume, deren Früchte hier seit Jahrhunderten wachsen. Die berühmte Amalfi-Zitrone „Sfusato Amalfitano” gehört zu den Wahrzeichen der Amalfiküste.

In kleinen Läden stapeln sich diese so markanten Zitronen in Körben, daneben Flaschen mit Limoncello, Zitronenmarmelade und Süßigkeiten aus Zitronenschalen. Restaurants bieten Zitronen-Spaghetti oder Zitronen-Eis an. Selbst Keramikteller und Tischplatten tragen die gelben Früchte als Motiv – als wollten sie den Duft dieser Landschaft festhalten.

Die Zitronen aus Amalfi sind größer als ihre gewöhnlichen Schwestern. Ihre Schale ist dick und aromatisch, das Fruchtfleisch besonders saftig. Schon im Mittelalter waren sie begehrt, auch weil sie Seeleute vor Skorbut schützten.

Heute prägen die Sfusato Amalfitano” noch immer das Bild der Küste: als Obst in den Gärten, als Zutat in der Küche – und als Symbol für die sonnige Landschaft über dem Meer.

Wohl deshalb auch inspiriert seit Jahrhunderten diese Landschaft Reisende und Dichter. Auch Goethe fand Worte für dieser einmaligen Melange aus Sonne, Meer und Zitronen:

„Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn?”

Und während über Amalfi die Zitronenterrassen in der Nachmittagssonne leuchten, versteht man plötzlich sehr genau, was er meinte.


Katrin Fiedler, geschrieben und fotografiert am 12. Februar 2026.

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