Café New York, Budapest
Gold, Stuck und Geschichte: der prunkvolle Innenraum des New York Café in Budapest.
Winter in Budapest, eine lange Schlange vorm Café New York – und ein Lied, das von hier aus um die Welt ging. Oder doch nicht?
Wir stehen im eisigen Wind. Vor dem Schaufenster des bis auf den letzten Platz gefüllten Cafés. Schulter an Schulter mit Menschen, die wir nicht kennen. Sprachen mischen sich, Atemwolken steigen auf. Niemand weiß genau, wie lange es bis zum Einlass noch dauert.
Gemeinsames Warten und den Text zu einem legendären Lied des Amerikaners Oscar Hammerstein II im Ohr. Doch wie kam es nach Budapest und von Ungarn wieder zurück in die USA, direkt an den Broadway?
Vom Theaterstoff zum Lied
„You’ll Never Walk Alone“: Der Satz ist heute eine Hymne, ein Versprechen. Aber bevor es gesungen wurde, bevor es Fußballstadien elektrisierte, war das Lied Teil einer Geschichte, die hier begann – in Budapest, im Café New York, noch als Theaterstoff.
Ein Kellner öffnet die Tür. Wir folgen der schwungvollen Einladung ins Warme und treten ein in eine andere Zeit.
Eine andere Zeit
Über uns wölben sich die Deckenfresken von Károly Lotz. Die farbgewaltigen Figuren der Romantik scheinen sich zu bewegen. Unter ihnen flitzen Kellner, um die Gäste zu bedienen. Unsere Augen irrlichtern durch das Café New York. Dieser Prunk! Marmor schwingt sich durch beide Etagen. Stuck fasst ihn ein. Gold fängt das Licht der opulenten Lüster.
Das Café New York ist um 1894 in Budapest entstanden. Die Belle Époque erzählt hier vom Wunsch nach Größe, nach Schönheit, nach Dauer. Wir sitzen mittendrin und vergessen für einen Moment, wie die Zeit vergeht. Scheinbar sind wir damit nicht allein. Da ist er wieder, dieser Satz „You’ll Never Walk Alone“. Er hat uns Fremde für einen Moment zu einer Gemeinschaft geformt: Wir sind drin.
Denker, Dichter und Musiker
Das Café New York war von Anfang an mehr als ein Ort für Kaffee. Schriftsteller, Journalisten, Künstler saßen hier. Sie schrieben, stritten, dachten. Kaffee war ihr Elixier, Gespräche ihr Kapital. Mittendrin: Ferenc Molnár, ungarischer Dramatiker. Überliefert ist, dass der berühmte Stammgast 1909 hier innerhalb von drei Wochen sein Theaterstück „Liliom“ schrieb – eine Vorstadtlegende, die Märchen und Sozialdrama zugleich ist. Die Uraufführung in Budapest floppte. Härte und Hoffnung – diese Mischung kam nicht gut an.
Jahre später, 1913, kam dann doch der Durchbruch – in Wien, übersetzt von Alfred Polgar. Und Molnárs Stück zog weiter – über den großen Teich zum Broadway. Dort war es die Basis für das Musical „Carousel“, geschrieben von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II, dem Texter von „You’ll Never Walk Alone“. Die Uraufführung im Majestic Theater, 1945, wurde gefeiert.
Der Satz verlässt die Bühne
„You’ll Never Walk Alone“ – ein Lied, was im Budapester Café verortet und das in New York City bekannt wurde, verließ das Theater und fand neue Bühnen. In den 60ern coverte es die Liverpooler Band Gerry & the Pacemakers. Das Lied wurde eine Hymne der Hoffnung und Solidarität. Es wurde in Stadien gesungen, besonders beim FC Liverpool. Laut, getragen von Tausenden. Doch sein Ursprung blieb leise.
Wir sitzen noch immer an unserem Tisch. Staunen und versuchen, die Schönheit einzufangen. Gulasch mit Nockerln werden serviert. Ein ungarisch-österreichisches Gericht, schwer und sättigend. Es ist ein solides Essen, eher eine Randnotiz im berühmten Café New York, wo die Geschichte aus allen Fugen quillt.
Später verlassen irgendwann das berühmte Café New York in Budapest. Der Satz „You’ll Never Walk Alone“ klingt noch lange nach.
Dieser Besuch schließt an meinen Advent in Budapest an. Und führt ihn weiter, über das Jahresende hinaus.
Katrin Fiedler, geschrieben und fotografiert am 5. Januar 2026.