Budaörs, Pumuckl und ein Heimatmuseum

Pumuckl im Alltag der Ungarndeutschen – Jakob-Bleyer-Heimatmuseum, Budaörs

 

Budaörs bei Budapest, ein Heimatmuseum – und Pumuckl - im kleinen, feinen Jakob-Bleyer-Heimatmuseum finden überraschend gut die Geschichte regionaler Ungarndeutscher, Vertreibung und Medienkultur zusammen.

Zugegeben, Budaörs steht nicht wirklich ganz oben auf einer Bucket List. Es ist eher ein Platz, der beim langsamen Reisen entdeckt wird. Und so verhält es sich auch mit dem örtlichen Heimatmuseum. Es beherbergt einen rothaarigen Kobold und erzählt Geschichten, die weit über Nostalgie hinausgehen. Es lässt staunen und entlässt nachdenklich. Daher ist es für mich eine Entdeckung und eine ruhige Fortsetzung des Advents in Budapest und Besuchs im Café New York.

Das Jakob-Bleyer-Heimatmuseum – mehr als Heimatkunde

Wir betreten das kleine Museum in Budaörs und erwarten Ortsgeschichte zum Thema Weinbau, Küche, Handwerk, vielleicht ein paar Trachten, alte Fotografien. Es wird geliefert. Doch was uns erstaunt: Scheinbar beiläufig taucht auch ein rothaariger Kobold zwischen Emailletöpfen und gestickten Sinnsprüchen auf.

Pumuckl, den kennen wir. Der freche Klabautermann hat viele Generationen begleitet. Und hier im Museum ist genau diese Ikone der Schlüssel zu einer Geschichte, die weit über Kindheitserinnerungen hinausreicht. Eine Geschichte über Migration und Medien, über deutsche und ungarische Verflechtungen, über Verlust, Erfindungskraft und die erstaunliche Fähigkeit von Popkultur, Geschichte zu tragen.

Ungarndeutsches Leben: Weinbau, Marktleben und Alltag

Schon die Außenfassade des Heimatmuseums macht klar: Dieses Museum ist kein folkloristisches Schaufenster. Es ist Sitz der Deutschen Selbstverwaltung von Budaörs (Wudersch). Formuliert wirdzweisprachig, bewusst historisch verankert. Das Banner „Év múzeuma“ (Museum des Jahres) ist keine Zierde, sondern ein Hinweis: Hier wird Erinnerung nicht museal konserviert. Die Geschichten werden aufmerksam erzählt, damit sie nicht in Vergessenheit geraten.

Im Jakob-Bleyer-Heimatmuseum führt der Weg zunächst durch rekonstruierte Wohn- und Arbeitsräume. Eine Küche mit Kohleherd, ein Regal voller irdenem Geschirr, Emaille, Holz, Stoff. Die Stickereien an historischen Wandtüchern mahnen zu Hoffnung, rufen zu Fleiß und Zusammenhalt auf. Es ist die Welt der deutschsprachigen Bevölkerung Budaörs’, deren Leben von Weinbau, Markttreiben und einer erstaunlichen weiblichen Ökonomie geprägt war: Frauen, die den Ertrag der Reben auf Märkten in Pest verkauften, sich damit ihr eigenes Einkommen sicherten – und, wie ein Zitat aus dem Jahr 1876 süffisant bemerkt, „sich das Beste erlauben konnten“. Ein ganz normales Leben also.

Vertreibung der Ungarndeutschen nach 1946

Wenige Schritte weiter kippt die Stimmung. Eine Karte zeigt Pfeile nach Westen und Osten: Vertreibung nach 1946. Deutschland. Sowjetunion. Zahlen, Routen, Verluste. Aus dem Idyll in Budaörs wird Vertreibungsgeschichte. Aus dem Haus ein Zeugnis, was über das Leben der Ungarndeutschen erzählt.

Pumuckl im Museum – ein Kobold als Schlüssel zur Erinnerung

Und dann stehen wir vor ihm. Auf Küchentüchern. Auf Handtüchern. Auf Tischdecken. Pumuckl – jener Kobold, der Generationen von Kindern begleitet hat, scheinbar harmlos, verspielt, unpolitisch und Teil einer Popkultur wurde – er grinst uns sorglos an. Doch die Ausstellung in diesem kleinen Museum bei Budapest zerlegt diese Selbstverständlichkeit mit großer Präzision, in Form von Erklärtexten und einem lehrreichen Kontext.

Das Pannónia Filmstudio: Wo Pumuckl animiert wurde

Die Texte zeichnen nach, wie die Figur aus der Feder von Ellis Kaut ihren Weg nach Ungarn fand – genauer: ins legendäre Pannónia Filmstudio in Budapest, eines der bedeutendsten Animationsstudios Europas. Dort wurde aus dem Hörspiel- und Buchkobold ein hybrides Wesen: halb Zeichentrick, halb Live-Action, technisch kühn, erzählerisch neu. Ungarische Animatoren entwickelten Bewegungen, Blickrichtungen, Tricks – oft unter schwierigen Bedingungen, mit improvisierten Lösungen, mit enormem handwerklichem Können.

Besonders faszinierend ist die Erklärung der Farbgebung: Das berühmte Gelb-Grün von Pumuckls Kleidung ist kein Zufall. Es verweist auf Brasilien – auf Menschen, die dort ihr Exil fanden, auf biografische Brüche von Menschen. So gesehen trägt Pumuckl die Geschichte von Migranten an seinem Körper.

Vom Kobold zur Weltmarke

Die Ausstellung im Heimatmuseum bleibt nicht bei Nostalgie stehen. Sie führt weiter – zu den Red-Bull-Werbespots, die ab Ende der 1980er Jahre ebenfalls aus der ungarischen Animationsschule hervorgingen. Uns zeigt sich eine Linie, mit der das Pannónia Filmstudio überrascht: Die Handschrift der Animateure reicht vom Kobold zum globalen Markenzeichen. Wer hätte das gedacht?

Handgezeichnete Filme, produziert in der Außenstelle Pécs, wo Teile von Pumuckls Körper, seiner Bewegung und seines filmischen Wesens entstanden, gesehen in mehr als 140 Ländern, auch das ist Teil dieser Geschichte. Hier zeigt sich deutlich, wie handwerkliche Kunst aus einem sozialistischen Kontext in den globalen Kapitalismus migrierte – ohne ihre zeichnerische Handschrift zu verlieren. Pumuckl, eine Figur, die von der Deutschen Ellis Kraut erfunden wurde und der Ungarn ein Gesicht und ein Lächeln gaben – was für eine schöne und kreative deutsch-ungarische Story.

Alltag als Bühne der Erinnerung

Das vielleicht Klügste an dieser Ausstellung in Budaörs ist ihre Zurückhaltung. Pumuckl wird nicht ins Zentrum gerückt wie ein Maskottchen. Er sitzt am Waschtisch. Er hängt am Handtuchhalter. Er steht auf dem gedeckten Tisch neben der Suppenschüssel. Genau dort, wo Erinnerung entsteht: im Alltag. Und genau dort auch, wo das tägliche Leben der Ungarndeutschen dargestellt wird.

So scheint der Kobold zum Vermittler zu werden. Zwischen Generationen. Zwischen Ländern. Zwischen Leichtigkeit und Schwere.

Während draußen Karten von Vertreibung erzählen, bleibt drinnen ein kleiner roter Kopf, der lacht und sein Lachen begleitet uns noch ein ganzes Weilchen.

Heimat, Migration und kulturelles Gedächtnis

Am Ende verlassen wir das Haus anders, als wir es betreten haben. Wir denken über Heimat nach – nicht als Ort, sondern als Geflecht. Kreative Kultur – nicht als Ablenkung, sondern als Träger von Erfahrung zahlreicher Menschen. Und über Museen – nicht als Speicher von Dingen, sondern als Räume, in denen scheinbar Unvereinbares zusammenkommt.

Das Heimatmuseum der Ungarndeutschen von Budaörs zeigt, wie das geht. Ohne Pathos. Und wir wissen nach unserem Besuch, dass selbst ein Kobold Geschichte erzählen kann – wenn wir ihm genau zuhören.


Wer war Jakob Bleyer?

Der Sprachwissenschaftler und Politiker, lebte von 1874 bis 933 und setzte sich früh für die Rechte der Ungarndeutschen ein – kulturell selbstbewusst, politisch loyal zum ungarischen Staat und entschieden gegen nationalistische Vereinnahmung.


Jakob-Bleyer-Heimatmuseum
Budapesti út 45
2040 Budaörs

Di bis Fr: 8 – 16 Uhr, Sa: 10 – 14 Uhr

heimatmuseum.hu


Tipp: Es lohnt sich, vor einem Besuch kurz telefonisch oder per E-Mail anzufragen. 


Anreise nach Budaörs – So kommst du von Budapest zum Museum

  • Variante 1 Déli pályaudvar (Südbahnhof)

  • Bus 40 oder 40B Richtung Budaörs

  • Ausstieg: Budaörs, Városháza

  • Von dort 5 Minuten zu Fuß die Budapesti út entlang, Hausnummer 45 (weißes Gebäude mit rotem Ziegeldach).

  • Fahrzeit etwa 25 bis 30 Minuten

  • Variante 2: Ab Innenstadt, Deák Ferenc tér

  • Metro M2 bis Déli pályaudvar

  • Umstieg in Bus 40 / 40

  • Weiter wie oben

  • Mit dem Auto

  • Von Budapest Zentrum Richtung M1/M7 (Balaton)
    Fahrzeit: ca. 15 bis 20 Minuten (verkehrsabhängig)

  • Ausfahrt Budaörs

  • Der Budapesti út ist die Hauptstraße durch den Ort

  • Parkmöglichkeiten in der Nähe des Museums vorhanden


Katrin Fiedler, geschrieben und fotografiert am 10. Januar 2026.

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Café New York, Budapest