Von Neapel nach Ercolano – Vespa-Fahrt aus der Millionenstadt
Ein altes Baugerüst dient als Werbefläche: Dutzende Hosen hängen daran und weisen auf die Vintage-Stände darunter hin.
Ercolano liegt nur rund 20 Minuten mit der Vespa von Neapel entfernt – und doch fühlt sich diese kurze Strecke an wie eine Zeitreise. Die kleine Stadt am Fuß des Vesuvs ist vor allem für die antiken Ausgrabungen von Herculaneum bekannt.
Zuerst geht es hinaus aus der pulsierenden Millionenstadt Neapel, vorbei an in die Jahre gekommenen Wohnblöcken und stillgelegten Industriebrachen. Mauern tragen Spuren von Salz und Sonne, Fensterläden hängen schief in ihren Angeln.
Dann beginnt das Kopfsteinpflaster. Es schüttelt die Vespa kräftig durch, sodass unsere Helme bei jeder Bodenwelle leise aneinanderklirren. Die Fassaden werden verwitterter, die Straßen enger. Auf Balkonen flattert Wäsche im Wind.
Die Straße verläuft parallel zum Meer – und zur historischen Bahnlinie der ersten Eisenbahn Italiens von Neapel nach Portici, die 1839 eröffnet wurde und bis heute als Meilenstein der italienischen Industriegeschichte gilt.
Eisenbahnmuseum Pietrarsa – ein Geheimtipp bei Ercolano
Direkt an dieser Strecke liegt eines der eindrucksvollsten Museen Kampaniens: das Museo Nazionale Ferroviario di Pietrarsa, das berühmte Eisenbahnmuseum zwischen Neapel und Ercolano. In den ehemaligen Werkhallen stehen monumentale Dampflokomotiven, königliche Waggons und Maschinen aus der Frühzeit der Industrialisierung.
Die Hauptattraktion ist die Sammlung original restaurierter Dampfloks aus dem 19. Jahrhundert, deren Messing im Sonnenlicht glänzt. Durch die offenen Hallen fällt der Blick direkt auf den Golf von Neapel. Technik, Meer und Geschichte verschmelzen hier zu einem Ort, der zeigt, wie eng Fortschritt und Landschaft miteinander verbunden sind.
Adresse: Traversa Pietrarsa, 80146 Napoli, Italien
Öffnungszeiten: Sie variieren je nach Saison. In der Regel geöffnet von Donnerstag bis Sonntag.
Eintritt: etwa 10 Euro (ermäßigt ca. 7 Euro)
Altstadt von Ercolano – Markt, Fisch und Vintage-Schätze
Von den weitläufigen Hallen des Eisenbahnmuseums führt die Straße weiter Richtung Ercolano. Nur wenige Minuten später verändert sich die Szenerie erneut: enge Gassen, kleine Plätze und Marktstände.
Im Zentrum von Ercolano, unweit der berühmten Ausgrabungsstätte Herculaneum (Parco Archeologico di Ercolano), pulsiert das Leben auf einem traditionellen Markt. Unter Sonnensegeln stapeln sich Zitronen, Tomaten und Auberginen, deren Farben im Licht leuchten. Daneben liegen fangfrische Fische aus dem Golf von Neapel – Doraden, Sardinen und Tintenfische, gebettet auf grob zerbrochenem Eis, aus dem das Wasser langsam über das Pflaster rinnt.
Nahe der Marktstände öffnen sich schmale Türen zu kleinen, unscheinbaren Geschäften. Drinnen ist es dunkel, die Luft riecht nach Stoff und Leder. Genau hier liegen die Vintage-Schätze: Motorradjacken aus den 1950er-Jahren, Handtaschen aus den 1960ern, Sonnenbrillen, Schuhe und Requisiten vergangener Jahrzehnte.
Dieser Flohmarkt gilt als Geheimtipp in Kampanien und so außergewöhnlich, dass auch Filmproduktionen hier nach authentischen Vintage-Stücken suchen. Wer sich Zeit nimmt, entdeckt ganz sicher sein persönliches Lieblingsteil – ein Stück Geschichte zum Mitnehmen.
Zwischen Meer und Vesuv – Landschaft voller Spannung
Die Altstadt von Ercolano liegt zwischen dem Golf von Neapel und den Hängen des Vesuvs. Unten glitzert das Meer, oben steigt der dunkle Vulkanhang an. Die Erde ist schwarz, durchzogen von erkalteten Lavaströmen. Zitronenbäume wachsen neben Pinien, Weinreben neben Lavagestein.
Der Vesuv wirkt ruhig, fast friedlich. Seine Präsenz ist überall spürbar – in den Mauern aus schwarzem Stein, in der fruchtbaren Erde, im Licht, das über seine Flanken wandert.
Hier wird deutlich, warum diese Region seit der Antike besiedelt ist. Der Vulkan zerstörte – und schuf zugleich die Grundlage für neues Leben. So wachsen etwa rund um den Vesuv Reben in der mineralreichen Vulkanerde, aus denen charaktervolle Weine entstehen.
Viele dieser Weine gehören zur Herkunftsbezeichnung „Lacryma Christi del Vesuvio” und zu einer der bekanntesten Weinregionen Kampaniens.
Nur etwa 20 Vespa-Minuten von Ercolano entfernt, in den Weinbergen oberhalb des Golfs von Neapel, liegt in Trecase ein Weingut der Familie Russo. Hier lassen sich zwischen Rebstöcken und Lavagestein die Weine dieser besonderen Landschaft ganz entspannt verkosten.
Welche Weine dort entstehen – und warum der Vesuv ihnen ihren unverwechselbaren Charakter verleiht – erzählt der nächste Text.
Katrin Fiedler, geschrieben und fotografiert am 7. Februar 2026.