Perspektiven: ein Tag in Taschkent

Farbenfroh und traditionell gekleidet lächeln die jungen Frauen in die Kamera.

 

Reisen mit leichtem Gepäck: Deutschland – Taschkent

Immer dem Glück hinterherjagen? Stets das Optimum anstreben? Wie wäre es eigentlich mal damit, einen Gang runter zu schalten? Nicht immer auf der Überholspur unterwegs sein. Schließlich bin ich nun eine Seniorin. Gut so, denn beweisen muss ich jetzt nichts mehr. Niemanden und am allerwenigsten mir selbst.

Vielleicht sollte ich mich auf die Suche machen? Einfach mal abtauchen in Usbekistan und sehen, was da noch so geht bei einer Reise mit leichtem Gepäck und einer guten Freundin?

Für uns ist klar: Usbekistan ist ein Sehnsuchtsland. Diese Farben, diese Architektur, die Menschen - jetzt soll es endlich sein. Einmal wieder reisen wie früher - leichter Rucksack, entspannt die Dinge auf sich zukommen lassen und das alles in einem zentralasiatischen Land, was sich gerade ganz langsam für seine Gäste öffnet.

Auf dem Rücken 12 Kilo für einen 3-Wochen-Trip. „Fühlt sich gut an“, denke ich. Aber dann meldet sich mein schlechtes Gewissen. Denn mein guter alter Reisebegleiter modert im feuchten Keller vor sich hin. 30 Jahre hat er seinen Dienst getan. Jetzt ist er zu alt und unkomfortabel, wurde also aussortiert.

Auf nach Zentralasien

Die Erwartung ist groß, der Trip lang. Fast einen Tag sind wir von Dresden, via Berlin und Istanbul unterwegs, bevor der Flieger geschmeidig in Mittelasien aufsetzt. Taschkent, die Hauptstadt Usbekistans, erwacht gerade. Menschenleere Straßen, genug Platz für unser Taxi, dass uns zum Bahnhof gen Süden bringt. Dort, wo unser Nachtzug Richtung Xiva abfahren wird, geben wir unsere Rucksäcke ab. 20.000 Som kostet das insgesamt. Die Landeswährung gibt es in Scheinen. Münzen sind eher die Seltenheit. Wir fühlen uns reich - so viele Scheine, so viele Nullen. Das Gefühl von Millionärsdasein schwindet, als wir unsere wertvollen bedruckten Papierchen umrechnen: 10.000 Som = 1,40 Euro. Mal gewinnt man, mal verliert man.

Taschkent, Taschkent

Was ist der Mensch bequem: Übermüdet setzen wir uns in ein Taxi, um ins Zentrum zu fahren. 20 Minuten kosten 15 Dollar. Faulheit hat seinen Preis. „They robt you“, würde jetzt ein guter Freund sagen und wir stellen bald fest, dass wir das noch besser können: Für die nächsten Etappen werden die öffentlichen Verkehrsmittel genommen – Bus oder Metro.

3 Orte, die einen Besuch wert sind

Mehr als 3 Millionen Menschen leben in Taschkent. Die Metropole ist geprägt von russischer, sowjetischer und postsowjetischer Architektur. Plattenbauten, viel Grün, pulsierender Verkehr und hier und da ein Hauch von Orient - Taschkent will erobert werden und das braucht ein wenig Zeit. Doch dann kann es die Liebe auf den 2. Blick werden. Weil wir Reisenden aber bereits fertige Bilder über Usbekistan in unseren Köpfen haben, ist die Suche nach farbigen Ornamenten, altertümlichen Bauten und bunt gekleideten Frauen mühsam. Denn Taschkent hat zwar – wie jede andere Stadt – ihre Geschichte, ist jedoch eine pulsierende, sich kontinuierlich modernisierende Großstadt. Für die meisten Touristen ist Usbekistans Hauptstadt daher nur ein Ort der Durchreise. Wir aber schlagen uns den Tag um die Ohren, bis uns der Nachtzug ins exotische Herz des Landes transportieren wird: nach Xiva.


Amir-Timur-Platz

Taschkent ist (auch) orientalisch geprägt und zwar im Westen der Stadt. Im Osten allerdings geht man mit der Zeit. Emsig werden neue Hotel- und Wohnkomplexe hochgezogen. Hier schlägt der Puls des modernen Usbekistans, ist der Blick in die Zukunft gerichtet. Das Land bereitet sich auf viele Gäste vor. Kein Wunder, arbeitet doch der aktuelle Präsident Shavkat Mirziyoyev zielstrebig an der sensiblen Öffnung des zentralasiatischen Landes.

Der Taxifahrer lässt uns im Zentrum der russischen Neustadt aussteigen. Wie eine Oase nimmt sich der Park inmitten des Amir-Timur-Platzes aus. Jede Pflanze, jede zarte Blume, ist ein Juwel. Es wird aufwendig gegossen. Wasser ist knapp in diesem knapp 449.000 Quadratkilometer großem Land. Mehr als die Hälfte des Territoriums ist Wüste.

Von der heißen und staubigen Landschaft spüren wir in Taschkent kaum etwas. Das liegt auch an der Liebe zur Natur: Neben modernem Wohnungsbau hüten die Einwohner jeden Grashalm – auch am Amir-Timur-Platz. Hier steht die Reiterstatue Amir Timurs an einer exponierten Stelle. Hoch zu Ross erhebt er die Hand, als ob er das kostbare Gut der Hauptstadt segnen will. Zu seinen Füßen grünt und blüht es. Üben sich junge Liebespärchen in ersten, zarten Berührungen.

Usbekistans Präsident Islom Karinov weihte 1994 dieses Denkmal ein, ein Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung. „Stärke in der Gerechtigkeit“ ist in 4 Sprachen auf dem massiven Sockel zu lesen. Wie das der gefürchtete Feldherr wohl gemeint hat? Fakt ist, dass seine Kriege Millionen von Opfern forderten. Fakt ist aber auch, dass er hier im Lande als Nationalheld gewürdigt wird, schließlich verhalf er Usbekistan zu Glanz und Stärke. Übrigens: Vor ihm war es Karl Marx, der dem aktuellen Reiterstandbild weichen musste. Davor waren es Stalin und anfänglich der Generalgouvaneur von Russisch-Turkestan, Konstantin Kaufmann. Ein Platz also, der sich optisch jeder für die Usbeken wichtigen Geschichte immer neu angleicht.

Entdeckungen auf Schritt und Tritt

Planlos drehen wir uns einmal im Kreis, um kurz zu registrieren, dass es jede Menge Museen gibt. Allen voran ein in die Jahre gekommenes Rondell, was an eine mongolische Mütze erinnern soll: das Amir-Timur-Museum. Interessantes Geschichtliches soll hier ausgestellt sein. Wir werden es nicht erfahren. Es ist Montag, Schließtag.

Allmählich rollt der Verkehr und die Sonne steht senkrecht. Die Stadt glüht. Kurz werden wir erinnert, dass wir uns in einer Wüstenlandschaft aufhalten.

Erschöpft lassen wir das Geschichtsmuseum rechts liegen. Auch die zentrale Ausstellungshalle der Akademie der Künste und das Alisher-Navoi-Theater. Schließlich ist es Montag, Ruhetag für viele Museen. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass das imposante wie beliebte Opernhaus von keinem weniger als dem sowjetischen Stararchitekten Alexei Schtschussew, der auch das Lenin-Mausoleum entwarf, stammt. Letzteres jedoch steht in Moskau, der Hauptstadt der Sowjetunion, zu der auch die Republik Usbekistan gehörte – bis zum 31. August 1991. Seine Unabhängigkeit zelebriert das Land seitdem am Nationalfeiertag, dem 1. September.


Schatten bitte!

Einige Schritte westlich des Museumsviertels geht es nicht nur durch ein modernes Einkaufsviertel. Es eröffnet sich auch eine lichte Fläche, die zu Sowjetzeiten reichlich Platz für machtvolle Paraden bot: der Lenin-Platz. Damals. Heute heißt das riesige Areal Unabhängigkeitsplatz und lässt viel Raum, tief Luft zu holen. Unzählige Fontänen sprudeln in beachtliche Höhe. Wasser, das Leben in dieses Land bringt und immer wieder einige Handykameras zücken lässt. Schaut man dabei in die Gesichter der Fotografen, scheint hier H2O die Formel des Glücks zu sein.

Einige Stufen höher erstreckt sich sanft über 150 Meter der Unabhängigkeitsbogen, auch „Bogen des Guten und des Edelmuts“ genannt. Durchlässig in alle Richtungen bietet auch dieses Bauwerk reichlich Raum für alle Betrachter und grazilen Störchen einen stabilen Landeplatz. In Usbekistan sind diese Vögel Symbol des guten und edlen Strebens und stehen für Frieden und Freiheit und für die Fruchtbarkeit der Usbeken. Für uns sind sie das perfekte Fotomotiv vor einem azurblauen Himmel.


Tiefschlaf in einer grünen Oase

Eine Nacht geflogen, den halben Tag herumspaziert, wir sind müde. Gleich nebenan lockt ein schattiger Park. Unter einigen Bäumen sitzen Frauen. Sie plaudern oder singen oder lesen versunken in ihren Büchern. Der Park bietet ihnen Geborgenheit.

In ihren landestypischen farbigen Gewändern könnten diese Frauen auch imposante Blumen sein, die auf dem sattgrünen Rasen anmutig in die Höhe wachsen. Sie passen einfach perfekt in die Schatten spendende grüne Oase.

Wir lassen uns auch nieder. Die Erde duftet. Das Gras ist klamm. Schließlich wird rund um die Uhr gewässert. Kurz denken wir über diesen Aufwand nach, um wenig später total übermüdet einzuschlafen.


Taschkent versinkt in Schutt und Asche

Der muntere Gesang von Vögeln und die nachlassende Kraft der Sonne sind Inspiration genug, sich wieder aufzurichten. Der Nachmittag kündigt sich mit weichem Licht an und wir laufen einen reichlichen Kilometer weiter Richtung Westen. Dorthin, wo das Erdbebendenkmal steht, nahe Navoi-Straße und unweit des Palastes der Völkerfreundschaft. Das Datum und die Uhrzeit, die für Taschkent eine Zäsur bedeuteten, wurden in einen Granitsockel graviert: 26.4.1966, 5.22 Uhr. Für viele Einwohner gibt kein „Davor“ mehr. Nur noch ein „Danach“. So ist beispielsweise die russische Neustadt nach dieser verheerenden Naturkatastrophe entstanden. Hier fanden viele Menschen wertvollen Wohnraum.

Wir beschließen, Richtung Metrostation durch das Viertel zu laufen und landen hungrig in einer Wohngebietsgaststätte. „Bukhara“ heißt das Restaurant, wo am Nachbartisch ein Großvater mit schwarzer Kappe auf dem Hinterkopf bereits zum Nachtisch übergangen ist, Weintrauben. Wo im Hintergrund eine Gruppe von Seniorinnen, einige Frauen mit sorgfältig drapierten Kopftüchern, die anderen gut frisiert, beherzt zugreifen und Gebäcke verspeisen. Dazwischen wird lauthals gelacht und so mancher Goldzahn blitzt im Abendlicht. Auch das ist Usbekistan. Wahrscheinlich haben wir gerade einen lebensechten Ausschnitt aus einem ganz natürlichen Alltag erhascht.

Gut gestärkt nehmen wir wenige Gehminuten später die Metro Richtung Bahnhof. In 2 Stunden rollt unser Nachtzug los.

Einstieg ist an der Metro-Station Mustaquillik Maydoni, nahe des Unabhängigkeitsplatzes. Eine kurze wie eindrucksvolle Fahrt beginnt, schließlich sind die Metro-Stationen eine echte Augenweide in Taschkent und viele Touristen buchen allein nur für diese Besichtigungen eine Tour.

Diese Metro-Fahrt bringt uns unserer ersten Reise-Etappe näher: Xivah, und damit noch sehr viel mehr eindrucksvollen Episoden – in Usbekistan.


Unsere Tipps für die Reiseplanung

  • Um Verkehrsverbindungen zu finden und Tickets zu buchen, empfiehlt sich die Webpage Rome2Rio.com

  • Tickets gibt es auch auf der usbekischen Seite railway.uz Leider war sie zu unserer Zeit nicht sehr stabil und brach beim Buchungsvorhaben ständig zusammen.

  • Für kurzfristige Buchungen half uns die Agentur wetravel.com weiter. Hier ist die Kommunikation, der Geldtransfer sowie Erhalt der Tickets via E-Mail äußerst unkompliziert. Hat aber den dreifachen Preis von herkömmlichen Tickets.

  • Da die Kontrollen an den usbekischen Bahnhöfen, wo die Nachtzüge abgehen, wie auf Flughäfen sind, empfiehlt es sich, früher am Bahnhof zu sein. Bereits eine Stunde vor Abfahrt sammeln die Schaffner die Tickets ein.

  • Adresse des Bahnhofs für alle Nachtzüge: Taschkent Süd, Ul. 3-aya, 124, Taschkent, Usbekistan.

  • Abfahrt nach Xivah 21.40, Ankunft 11.20 Uhr.


Das Usbekistan-Tagebuch

Teil 1: Reise durch Usbekistanweiterlesen
Teil 2:
Perspektiven: ein Tag in Taschkent
Teil 3: Unterwegs in der ältesten U-Bahn Zentralasiens
weiterlesen
Teil 4: Xiva – Eine Stadt wie aus 1001 Nacht weiterlesen


Katrin Fiedler, geschrieben und fotografiert am 4. September 2024.

Zurück
Zurück

Unterwegs in der ältesten U-Bahn Zentralasiens

Weiter
Weiter

Reise durch Usbekistan